topimage
VIDA
Home
kollektivvertrag.at. Die KV-Informationsplattform von ÖGB und Gewerkschaften
Urlaubslus
Service für BetriebsrätInnen
Vorteile mit der vida-Card
vida Podcast
zur ÖGB Website

Familie, Schule, Kreisky

vida im Gespräch mit Autorin Christine Nöstlinger.

Wer kennt sie nicht, die "Feuerrote Friederike" oder "Die 3 Posträuber". Diese Geschichten stammen aus der Feder von Christine Nöstlinger. Die bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin stammt aus einer Arbeiterfamilie, der Vater war Uhrmacher, die Mutter Kindergärtnerin. Nöstlingers Vater hatte als Sozialist unter dem Nationalsozialismus zu leiden. Im Interview mit vida spricht Christine Nöstlinger über Bruno Kreisky, die österreichische Schulpolitik und das  Familienbild der neuen Staatssekretärin Verena Remler.

vida: Bruno Kreisky hätte kürzlich seinen 100. Geburtstag gefeiert. Eines seiner Anliegen war es, für Arbeiterkinder die gleichen Chancen zu schaffen wie für Kinder aus bürgerlichen Haushalten. Doch nach wie vor entscheidet in vielen Fällen nicht das Talent eines Kindes, in welche Schule es kommt, sondern die Herkunft. Sie thematisieren das in Ihrem jüngsten Buch, der "Lumpenloretta".  Wie sehen Sie die Debatte um die Gesamtschule?

Ch. Nöstlinger: Ich bin für die Gesamtschule. Aber unsere Machtverhältnisse sind so, dass das anscheinend nicht durchzusetzen ist, wider jede Vernunft. Ich kann mir das nur so erklären, dass gewisse Schichten, die ihre Kinder ins Gymnasium schicken, und sei es mit viel Nachhilfe, nicht wollen, dass die Kinder der Unterschicht die gleichen Chancen haben. In den Ländern, wo es mehr Chancengleichheit gibt, existiert auch die Gesamtschule.

vida: Politiker, die für die Aufrechterhaltung der getrennten Schulformen eintreten, reden gern von der Wahlfreiheit…

Ch. Nöstlinger: Die Kinder haben ja nicht die Wahlfreiheit, die Wahlfreiheit haben die Eltern. Und wenn ich als 10-Jährige aussortiert werde, bin ich hilflos. Denn erst nach der 4. Klasse Hauptschule den Sprung in eine 5. Klasse AHS zu schaffen, das ist sehr schwer. Wobei es einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land gibt. Am Land gibt es durchaus Hauptschulen mit einem Niveau, wo der Übertritt in die AHS dann kein Problem ist.

vida: Das Schlagwort von der Wahlfreiheit wird auch in der Familienpolitik von manchen gern verwendet. Die neue Familienstaatssekretärin Verena Remler steht zur "Wahlfreiheit", hat sie in einem ihrer Antrittsinterviews betont. Wie geht es Ihnen mit diesem Begriff?

Ch. Nöstlinger: Auch hier gilt: Die Wahlfreiheit, zu entscheiden, ob sie daheim bleibt oder nicht, hat bestenfalls die Frau. Für das Kind gilt das nicht. Ich stelle mir vor, wenn ich ein elfjähriges Einzelkind wäre, würde ich nicht unbedingt eine Mutter haben wollen, die daheim ist. Die Statistiken zeigen auch, dass Frauen nach einer langen Karenz nur sehr schwer wieder einen vernünftigen Job finden. Dass man eine kurze Pause nach der Geburt braucht, ist klar. Jeder, der das bestreitet, der schwindelt.

vida: Ihre Enkelkinder wachsen in Belgien auf. Haben Sie Erfahrungen, wie es dort um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie steht?

Ch. Nöstlinger: In Belgien ist es einfacher. Dort hat jedes Kind das Recht, von der Früh bis zum Abend in der Schule betreut zu werden, dort gibt es nur Ganztagsschulen und auch die gemeinsame Schule ist umgesetzt.

vida: In Ihrer Krimireihe mit dem Pudding-Pauli ist es der Pauli, der  jeden Tag zu Mittag seine beste Freundin, die Rosi, bekocht. Sie schreibt ihm dafür seine Mathe-Aufgaben. Alle Rezepte sind in dem Buch auch zum Nachkochen angeführt. Wie entstand die Idee zu dem Buch?

Ch. Nöstlinger: Der Verlag wollte, dass ich ein Kochbuch für Kinder schreibe. Aber da gibt es eh schon ein paar, ich fand das langweilig und so habe ich mir eine Rahmenhandlung überlegt und die ist länger und länger geworden…

vida: Bekommen Sie Rückmeldungen, ob eher Buben oder Mädchen zum Kochlöffel greifen, um die Rezepte auszuprobieren?

Ch. Nöstlinger: Naja, die Rückmeldungen sind nicht repräsentativ. Mehr Mädchen lesen Bücher und schreiben Briefe als Buben. Mädchen schreiben lieber, sie probieren ihr neues Briefpapier aus,… Ich kenne aber genug Buben, die gerne kochen. Auch bei meinen Enkelkindern ist das so. Mein 13-jähriger Enkel kocht wesentlich mehr als meine Enkelin, die 15 ist.

vida: Sie verwenden in Ihren Büchern gerne umgangssprachliche Begriffe. Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass manche Wörter in sehr vielen Ihrer Bücher vorkommen. Zum Beispiel das Wort Gatsch, in den verschiedensten Zusammensetzungen (z.B. Gemüsegatsch). Auch das Zeitwort "jappeln" hab ich in mehreren Büchern gelesen. Haben Sie Lieblingswörter, die Sie immer wieder in Ihren Büchern verwenden?

Ch. Nöstlinger: Also bewusst mache ich das nicht. Das Wort "Gatsch" ist halt ein altes Wiener Wort, "jappeln" kommt aus der Jugendsprache. Worte, die mir gefallen, verwende ich halt, aber ein Programm oder so etwas dafür habe ich nicht.

vida: Sie schreiben seit mehr als 40 Jahren Kinder- und Jugendbücher, haben selbst zwei erwachsene Töchter. Wie haben Sie privat in den Anfängen die Vereinbarkeit von Beruf und Job unter einen Hut gebracht?

Ch. Nöstlinger: Ich fand es damals leichter, das unter einen Hut zu bringen, wenn ich daheim arbeiten kann. Aber ohne meine Mutter, die schon in Pension war, hätte ich das nicht geschafft. Meine ersten Manuskripte waren voller Fettflecken, weil ich in der Küche auf einer kleinen Schreibmaschine neben dem Kochen geschrieben habe.  Wenn ich da 40 Jahre zurückschaue, kann ich mir selber nicht mehr vorstellen, wie ich das geschafft habe. Ich hab den Haushalt allein gemanagt und für die Kinder auch noch Pullis gestrickt und Kleider genäht. Ich war ein richtiger Workaholic.

vida: Noch einmal zu Familienstaatssekretärin Remler. In einem Standard-Interview definierte sie kürzlich Familie folgendermaßen: "Familie ist, wo Kinder sind."

Ch. Nöstlinger: Also dann ist auch ein Kinderheim eine Familie, ist eh nicht schlecht…. (lacht). Für mich ist Familie, wo Menschen, seien es mehrere oder zwei, füreinander Verantwortung übernehmen. Das kann ein Paar mit einem Kind sein, aber auch zwei Männer oder zwei Frauen füreinander, Kinder müssen da nicht unbedingt dabei sein. Oder auch eine Frau mit einem Kind bzw. ein Mann mit einem Kind.

vida:  Die Familienstaatssekretärin meint auch, für sie sei nicht vorstellbar, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen.

Ch. Nöstlinger:  Also in anderen Ländern kann man sich das sehr wohl vorstellen, dort ist das schon längst erlaubt. Außerdem gibt es ja auch keine Garantie, dass es funktioniert, wenn eine Frau und ein Mann ein Kind adoptieren.

vida:  Bruno Kreisky soll einmal folgenden Satz gesagt haben: "Bei der Todesstrafe und der Emanzipation der Frau darf man die Basis nicht fragen. Denn die Basis (...) ist primär reaktionär." Was halten Sie von der Aussage?

Ch. Nöstlinger: Er hat recht. Es gibt auch noch ein paar andere Fragen, wo ich ein bisschen für die "Demokratie von oben" bin und mich nicht dem Volkswillen ausliefern möchte. Die Migrantenfrage gehört da zum Beispiel dazu.

Zur Person:
Christine Nöstlinger, geboren 1936, zählt mit über 100 Büchern zu den bekanntesten Kinder- und JugendbuchautorInnen des deutschen Sprachraums. Das Werk der Wienerin wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit international renommierten Preisen ausgezeichnet

Lumpenloretta - das neue Buch von Christine Nöstlinger
Glatze und Loretta, kann daraus was werden? Der sture, schweigsame Typ, den die Liebe aus heiterem Himmel überfällt. Die quirlige angehende Zirkusprinzessin, die notgedrungen zu viele Grenzen überschreitet. Entsetzte Eltern, ratlose Freunde, gebrochene Herzen. Eine Liebe mit wenig Zukunft, sollte man meinen. Aber, wie gesagt: Glatze ist ein Sturkopf.

Erschienen im Residenz Verlag,   ISBN: 978-3-7017-2027-9, gebunden, 128 S., 13,90 Euro

 

Artikel weiterempfehlen

Kommentar verfassen

Teilen |
Suche
GO

 

Mitglieder-Kampagne vida STARK vida Kampagne - Gemeinsam vida stark vida Kampagne - Gemeinsam vida stark
Tatort Arbeitsplatz - eine Initiative der Gewerkschaft vida gegen Gewalt im Job Tatort Arbeitsplatz Eine Initiative der Gewerkschaft vida gegen Gewalt im Job

© Copyright 2016 vida [IMPRESSUM]